Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12 Naomi Schenck Günther Schenck und seine Enkelin Naomi Gartenlabor Günther Schenck mit Prof. Karl Ziegler im Labor, Halle 1940 Grundsteinlegung Institut für Kohlenforschung, Mülheim a.d.Ruhr Schattenseiten eines Lichtspezialisten
MEIN GROSSVATER STAND VORM FENSTER UND TRANK TEE NR.12

320 Seiten erschienen im Februar 2016 bei Hanser Berlin

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ePUB, Hanser Berlin, Literatur, Max-Planck-Institut, Publikationen
  • Die Geschichte einer bürgerlichen Familie, ihrer Träume und Geheimnisse.

 

„Naomi Schencks Familienrecherche ist so etwas wie Fanny und Alexander im Ruhrgebiet. Gute und böse Geister aus den tiefen der deutschen Geschichte spielen mit in diesem farbigen Familienbilderbogen. Ein wunderschönes Buch“

Stephan Wackwitz

 

Als Günther Schenck, Jahrgang 1913, stirbt, hinterlässt er seiner Enkelin Naomi ein ungewöhnliches Erbe: Sie soll seine Biografie schreiben. Naomi hat den brillanten Chemiker und seine elegante Frau Christel geliebt. Doch immer existierte da ein Gefühl, dass nicht alles gut gelaufen war in seinem Leben. Als sie sich auf die Suche macht, entdeckt sie, dass ihr vermeintlich unpolitischer Großvater 1933 in die SA eingetreten war. Was bedeutet das? Warum wusste keiner in ihrer Familie davon?
Naomi Schenck stellt die Fragen einer Generation, der die Antworten aus den Geschichtsbüchern nicht ausreichen. Aus eigenen Erinnerungen und Hunderten Geschichten formt sie das lebendige Porträt einer bürgerlichen Familie in Deutschland.

 

Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12 Naomi Schenck

 

 

Erscheinungsdatum: 22.02.2016
320 Seiten
Hanser Berlin
Fester Einband
ISBN 978-3-446-25078-9
eBook, ePUB-Format
ISBN 978-3-446-25220-2

 

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Auch als Hörbuch erhältlich:

7 CDs, 532 Minuten Laufzeit
ISBN 978-3-95713-040-2

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Auszug

 

Seinen Tod hatte mein Großvater bereits Mitte der sechziger Jahre sorgsam vorbereitet, als er aufgrund einer spät diagnostizierten Autoimmunkrankheit mit seinem Ableben rechnete, wie er es ausdrückte. Die Details für seine Beerdigung waren also seit langem geklärt: Zur Aufbahrung sollte er in einen Smoking gekleidet werden, und alle Institutsmitarbeiter sollten nach der Beerdigung so lange auf seine Rechnung essen und trinken können, wie sie wollten. In letzter Zeit hatte er sich weitere Gedanken gemacht. Er hatte mich gefragt, ob mir das rote Teeservice mit dem Margeritenmuster gefiel. Als ich bejahte, sagte er, dann sollst du das haben. Und bei einer anderen Gelegenheit hatte er mir beiläufig, aber auch ein wenig feierlich mitgeteilt, er wolle mir die Rechte an seiner Biographie vermachen. Im Safe fand sich dann tatsächlich ein entsprechender Vermerk. Als älteste Enkelin stand ich ganz oben auf der Liste: Naomi, Biographie G.O. Schenck. Als Achtjährige hatte ich schon einmal damit begonnen, sein Leben aufzuschreiben.

»Mein Opa Günther« sollte das Buch heißen und von einem Wissenschaftler handeln, der Klarinette und Cello spielte, stets orangefarbene Schuhe im Kofferraum hatte und die Delphine im Duisburger Zoo rettete. Lugte sein Taschentuch aus der Brusttasche weiter heraus als normal, dachte er gerade über etwas Wichtiges nach und durfte auf keinen Fall angesprochen werden. Außerdem war es nicht ratsam, ihm von hinten die Augen zuzuhalten, denn er war Träger des schwarzen Gürtels und hatte mal jemanden, der hinter ihm aufgetaucht war, mit beiden Armen gegriffen und über den Tisch geschleudert. Wenn Gäste zum Abendessen da waren, kam es vor, dass er verschwand und meine Großmutter ihn schließlich in der Badewanne vorfand. Es gab viele solcher Anekdoten, außerdem war da die schiere Spanne seines Lebens, die vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis nach dem Anschlag auf das World Trade Center reichte. Mir fiel ein, dass ich irgendwann schon mal mit vagen Absichten eine Schenck-Kiste angelegt hatte, in der sich seine Weihnachtsbriefe befanden, Fotos, besprochene Cassetten und fotokopierte Publikationen mit jeder Menge Formeln, die mir nichts sagten. Obwohl mein Vater ebenfalls Chemiker war, hatte ich in Chemie immer zwischen fünf und sechs gestanden und das Fach abgewählt, sobald es ging. Später hatte ich Kunst studiert und war schließlich Szenenbildnerin geworden. Außerdem schrieb ich Kurzgeschichten und Hörspiele. Damit hatte es wohl zu tun, dass Günther mir die Aufgabe seiner Biographie übertragen hatte – obwohl er wusste, dass ich kaum etwas von seiner wissenschaftlichen Hinterlassenschaft verstand.

Auch meine Geschwister hatten ihrer Ausbildung entsprechende Aufgaben erhalten. Jost, der Jurist, wurde zum Zuständigen für die rechtlichen Belange der Firmen erklärt, die sich aus Günthers Patenten ergeben würden; Toby, der eine eigene Softwarefirma hat, sollte im Aufsichtsrat die Familieninteressen vertreten. Beide hatten dafür eher eine Art müdes Lächeln übrig. »Und was hat Günther dir vererbt?«, fragte ich meine Schwester Hanna, die Philosophie studierte. »Ich soll mich um die Weiterentwicklung seiner wissenschaftstheoretischen Ansätze kümmern.« Sie klang etwas genervt. »Er hat da mal so eine Liste gemacht, zur Vermeidung von Denkfehlern in der Wissenschaft«, sagte sie. »Wahrscheinlich finde ich die auch noch irgendwo. Wobei ich die jetzt nicht so wahnsinnig originell fand.« »Was stand denn da so?« »Vor allem hat er immer vor geistigen Epidemien gewarnt.« »So was wie Nationalsozialismus?« »Genau, aber auch andere Sachen, die wie bei einer Hysterie um sich greifen und die Leute dann irgendwie völlig vereinnahmen. Er wollte, dass man die Dinge anhand einer Fragenliste überprüft, bevor man sie behauptet.« »Ging’s da auch ums Waldsterben?«  Ich dachte an seine Schimpftiraden über Politiker, die wissenschaftlich unfundiertes Zeug redeten. Seinen Ärger über die Grünen, die über das Waldsterben debattierten, aber keine Ahnung hatten. Und ausgerechnet die hörten ihm dann zu, als er Mitte der achtziger Jahre seine unorthodoxen Ideen zu dem Thema in der europäischen Fachpresse veröffentlichte.

 

 

 

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