KANN ICH MAL IHRE WOHNUNG SEHEN?

Die Serie, in der es um meine Besuche in fremden Wohnungen geht, erscheint seit 2013 im Reiseblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Amsterdam / Passt perfekt. Sie gehört Ihnen.

F.A.Z. vom 21. November 2013

Das Haus in der Keizersgracht ist schmal, schwarz gestrichen, etwas krumm. Fünf Stockwerke hoch, mit dem typischen Flaschengiebel aus dem siebzehnten Jahrhundert. Ich bin pünktlich; die Glocken der Westerkerk läuten, als ich auf den blankpolierten Messingknopf drücke. Ein eisiger Wind zieht mir durch den Pullover, und auch mein grünes Seidentuch vermag mich nicht zu wärmen. Es dauert eine ganze Weile, bis mir geöffnet wird.Prof. Rooysen ist schmaler, feingliedriger, als ich es aufgrund der Fotos im Internet erwartet hatte. Etwas reserviert steht er vor mir in einem von Ahnenporträts gesäumten Marmorkorridor. „Ist Ihnen nicht kalt?“, fragt er. „Ich bin ohne Mantel in den Zug gestiegen“, sage ich. „Es war plötzlich so mild in Köln. “Für einen Moment denke ich daran, ihn um einen Mantel zu bitten, leihweise. Aber jetzt, da ich ihm durch den Flur folge, dabei sein Sakko aus geschupptem Reptilienleder betrachte, verlässt mich der Mut. Rooysen führt mich in einen eleganten Salon des neunzehnten Jahrhunderts: Kronleuchter, Wintergarten, mit Damast bespannte Wände. Bücherregale bis an die Decke. Ein Goldfasan sitzt bewegungslos auf einem Zweig. „Er verliert Federn“, sagt Rooysen, „schlechte Stopfarbeit.“

„Der Vogel hat sicher eine interessante Geschichte“, sage ich.

„Sicherlich. Aber da ich ihn erst nach seinem Tod kennengelernt habe, ist sie mir nicht bekannt.“

„Haben Sie noch mehr ausgestopfte Tiere?“

„Nur ein paar Eulen und dieses Krokodil.“ Ich sehe es erst jetzt, es steht neben ihm wie ein sehr langer Dackel. Sein offenes Maul scheint Drohung und Hilfeschrei zugleich zu sein.

„Warum? Bringen Sie mich mit Norman Bates in Verbindung?“

„Jetzt, wo Sie es sagen. Sind Sie eher Jäger oder Sammler?“

„Sammler. Ich warte, dass die Dinge zu mir kommen.“

Vorsichtig lege ich meine Kamera auf einem Louis-XVI.-Sekretär ab. Er wirkt so kostbar, als müsse er mit einer Kordel vor zu nahem Zutritt geschützt werden. Auf der Jugendstilcouch liegt ein Wust von Kabeln und alten Handys. Ich lese die Buchrücken in den Regalen: Hegel, Hirschfeld, Hobbes, Holocaust, Hume.

Rooysens Hausführung beginnt. „Diese Bilder sind so alt wie dieses Haus“, kommentiert er die Stiche im Korridor. „Hier sehen Sie Wilhelm, den holländischen Statthalter, und seine Frau Mary Stuart. Wilhelm wurde nach der ,Glorious Revolution‘ von 1688 zum englischen König gekrönt. Ein Jahr später folgte Mary ihm nach England. Der englische Philosoph John Locke reiste mit ihr. Er hatte sich als politischer Flüchtling in Amsterdam versteckt und ganz hier in der Nähe der Keizersgracht gewohnt. Ich würde jetzt gern eine Tasse Kaffee trinken, wie ist es mit Ihnen?“

In der Küche führt Rooysen mir eine halbzerfallene Apparatur aus Elfenbein und Wurzelholz vor, in der die Zahlen 1 bis 8 hinter kleinen Fensterchen erscheinen. Damit die Dienstboten wussten, aus welchem Zimmer geläutet wurde. Das Porzellan in der Vitrine soll dem Bruder des Königs gehört haben, erwähnt Rooysen beiläufig. Tatsächlich kommt mir die Hausbegehung wie eine Schlossführung vor. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Räume unbeheizt sind. Richtig warm ist nur Rooysens mit antiken Kimonos und Pfauenfedern dekoriertes Schlafzimmer im Souterrain. Ein riesiger Flachbildschirm zeigt stumm die Übertragung eines Fußballspiels, das Bett ist mit Manuskripten übersät. Weil es so schön warm ist, ziehe ich den Aufenthalt hier unten in die Länge und schaue mir die Fotos auf dem Sekretär genauer an. Eines zeigt Rooysen in jungen Jahren im Smoking und mit drei Beinen.

„Das ist während einer meiner Ethikvorträge entstanden“, erklärt er. „Über Freaks des neunzehnten Jahrhunderts. Ich habe mit einer Projektion begonnen und Menschen vorgestellt, die durch ihr Anderssein ausgegrenzt waren und zugleich mit ihrem Anderssein ihr Brot verdienten. Dann habe ich das Licht angeknipst und saß da mit drei Beinen.“

Als ich die Intarsien der Holzwand bewundere, demonstriert Rooysen, wie sich die Wand auffalten lässt – und gibt so den Blick auf einen Kleiderschrank frei. Er hängt voller Damenmäntel. Eine Sekunde lang habe ich das Gefühl, ihn kalt erwischt zu haben.

„Das sind nicht alles meine“, sagt er. „Dieser ist von meiner Ex. Und dieser von meiner anderen Ex. Wie gesagt, ich bin Sammler.“

Flink lässt er die Mäntel von rechts nach links über die Stange gleiten; ein Kaschmircape, einen Burberry, eine Daunenjacke. „Interessant, dass Ihre Exfreundinnen ihre Mäntel nicht zurückhaben wollen“, sage ich, „also, ich würde meinen Mantel von meinem Exfreund zurückholen.“

„Das sagen Sie jetzt“, sagt er lächelnd, „weil Sie Ihren Mantel vergessen haben.“

Rooysen schließt den Schrank.

Als wir im Flur sind und uns verabschieden wollen, zögert Rooysen einen Moment.

„Warten Sie kurz, ich habe etwas für Sie.“

Als er wiederkommt, trägt er ein Kleidungsstück überm Arm. „Vor drei Wochen habe ich diese Herrenjacke vorm Haus gefunden“, sagt er, „sie hing am Lenkrad meines Fahrrads. Offenbar ist sie geklaut worden, jemand hat die Brieftasche genommen und die Jacke weggeworfen.“

Es ist eine schwarze Bomberjacke mit orangefarbenem Innenfutter. Nicht gerade mein Stil. Aber schön warm. Ich betrachte meine veränderte

Silhouette im Barockspiegel. Die Bluse schaut unter der bauchigen Jacke hervor wie ein Minirock.

„Passt perfekt“, sagt Rooysen, „sie gehört Ihnen.“

Ich bedanke mich mit einem Knicks. Zurück in Köln stelle ich fest, dass mein grünes Seidentuch weg ist. Ich rufen Rooysen an, ob er es gefunden habe. „Ja, es lag auf dem Boden, da wo Sie die Jacke angezogen haben“, sagt er. „Ich bin davon ausgegangen, dass Sie mir etwas zum Ausgleich dalassen wollten. Es ist jetzt in meinem Kleiderschrank.“ 

Anguilla / Mit Britney Spears kam die Traurigkeit

F.A.Z. vom 29. September 2016

„Es begann wie ein Märchen: eine britische Ornithologin verbrachte zwei Wochen in einer von mir eingerichteten Wohnung und nahm anschließend Kontakt auf. Sie sei dabei, ein Haus auf der karibischen Insel Anguilla zu erwerben, und wünsche sich Farben an den Wänden. Die Möglichkeit, mein noch mageres Portfolio als Interior Designer mit einem Haus in der Karibik zu erweitern, begeisterte mich genauso wie die Rahmenbedingungen: Flug in der Business Class und freies Wohnen in dem geräumigen Haus, zu dem, wie ich auf Fotos gesehen hatte, ein von Bougainvilleas umstandener Endlospool gehörte, dessen seidige Oberfläche optisch mit dem Meer verschmolz.

Ich war zum ersten Mal in der Karibik, und im Fahrtwind des Motorboots, das mich und zwei braungebrannte Senioren mit Tennisschlägern von St. Maarten nach Anguilla brachte, wogten die Glücksgefühle hoch. Zugleich schien alles um mich herum surreal überhöht, ich sah nur noch blau oder weiß: das tiefblaue Wasser, die weiße Gischt und das weiße Boot, den blauen Himmel, die weißen Zähne des lachenden Skippers.

Geduldig passierte ich die bürokratische Einreiseprozedur im mintfarbenen Holzgebäude des Zolls, und auch als ich mich auf der staubigheißen Landseite des kleinen Hafens nach jemandem umsah, der ein Schild mit meinem Namen hochhielt, war die Welt noch in Ordnung. Dann fiel mir ein, mein Mobiltelefon aus dem Flugmodus zu befreien – und eine Nachricht der Kundin verkehrte meine Hochstimmung ins Gegenteil. Auftrag abgeblasen. Sie trete von ihrem Kaufvertrag zurück, da sie den Grund für den günstigen Preis des Hauses erfahren habe: vor einigen Jahren habe es dort einen Mord gegeben.

Übernachten könne ich in dem Haus unter diesen Umständen natürlich nicht, fügte sie hinzu.

Irgendwie hörte sich das nicht danach an, als habe sie vor, meine Hotelrechnung zu übernehmen. Eher danach, als wolle sie mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Die Kosten für Flug und Überfahrt hatte ich vorgestreckt. Ich wählte ihre Nummer, legte jedoch gleich wieder auf. In Europa war es schon spät, und ich wollte erst einmal die Enttäuschung verarbeiten.“

Außerdem war ich durstig.

Auf der anderen Seite des Parkplatzes war ein kleiner Laden. Die Besitzerin, eine dicke Frau im Schlauchkleid, saß auf einem Hocker und telefonierte. Ich wartete, bis sie ihr Gespräch beendet hatte, dann bestellte ich ein Wasser und fragte sie, ob sie mir ein einfaches Hotel empfehlen könne, am Strand, mir sei die Unterkunft geplatzt. Emotionslos zählte sie die Namen einer Reihe von Hotels auf, von denen ich bereits gehört hatte: Cap Juluca, Malliouhana, Viceroy. Es waren herrliche Luxusanlagen, in denen ich mir, so mein ursprünglicher Plan, ab und zu eine Limonade gönnen wollte.

Gemeinsam checkten wir einige der normaleren Hotels; sie waren sämtlich ausgebucht. Das Gefühl, bei der ganzen Geschichte böse draufzuzahlen, verfestigte sich. Ich kanalisierte es mit eindringlichen, bittenden Blicken zur Ladenbe- sitzerin, die langsam verstand, dass sie mich nicht loswerden würde, bevor sie mir geholfen hat. Ihre Tante vermiete Zimmer, sagte sie zögernd. Das sei aber nicht am Strand.

Wenig später saß ich im Taxi, im Linksverkehr ging es über Landstraßen ins Inselinnere, vorbei an halbfertigen Betonhäusern, streunenden Zie- gen und langgrasigen Feldern mit Reklameschildern. Vielleicht lag es an dem bewachten Eingangstor des marmorummauerten Golfresorts, an dem wir gerade vorbeifuhren, vielleicht daran, dass aus den Türlautsprechern kein Reggae krächzte, sondern Britney Spears – jedenfalls erfasste mich eine große Traurigkeit. Das Gefühl, die falsche Person am falschen Ort zu sein und in jeder Hinsicht die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Nach einer Kurve bog der Taxifahrer unsanft auf rumpeliges Gelände ab. Zwei aneinanderge- bundene Ziegen hoben die Köpfe und folgten dem Wagen mit ihren Blicken, während wir die gerupfte, von Steinen durchsetzte Wiese hügelaufwärts fuhren. Auf der Anhöhe standen drei sehr unterschiedliche Wohngebäude. Zunächst ein knallgelbes Holzhäuschen auf Stelzen; dann ein faulig wirkender, an Tür und Fenstern verrammelter Bungalow; als Letztes ein flacher, schneeweißer Kasten mit erhöhter Terrasse, deren Geländer von bauchigen Pfeilern gehalten wurde. Eine halbrunde Treppe mit ausladenden Stufen führte majestätisch hinauf zu dem mit Fliegengittertüren geschlossenen Eingang.

Ich lernte die hochbetagte, wegen ihrer Zahnlosigkeit nur schwer zu verstehende Tante kennen und wurde durch die Wohnräume geführt. Zwei der von enormen Pfostenbetten dominierten Schlafzimmer waren mit Kleidern und Kosmetikflaschen übersät; das dritte offensichtlich soeben für mich freigeräumt. Die Enkelin der Tante machte Hausaufgaben am Computer und schaute dabei einen Comicfilm; ihr Berufs- wunsch sei es, im Büro zu arbeiten, für die Regierung, sagte sie. Auf einem Teller wurden mir etwas Weißes, Kristallines gereicht. Ich hielt es für Zuckerwatte, und weil ich seit Stunden nichts gegessen hatte, griff ich beherzt zu. Es handelte sich um Salzbrocken aus dem See, in dem die Tante von Kindheit an ein halbes Leben lang gearbeitet hatte. Die beiden prächtigen polierten Schildkrötenpanzer, die im Esszimmer an der Wand hingen, brachten ein Gespräch über den Schutz der Art in Gang, die Enkelin bestätigte, dass die großen Wasserschildkröten seit zwanzig Jahren nicht mehr getötet werden dürfen – ein Verbot, das die Tante für ganz und gar unsinnig hielt. Aber es gäbe ja immer Männer, fuhr sie fort, die sich nicht dran hielten, die dann alle Bekannten anriefen und zum Grillen einluden.

Sie bekäme auch immer Eier, rief die Tante fröhlich. Rohe Schildkröteneier seien der beste Garant für ein langes Leben.

Später wurde mir ein Geheimweg ans Wasser beschrieben. Entlang eines kleinen Teichs und hinter von Buschwerk geschützten Ascheplätzen gelangte ich auf einen paradiesisch weißen Sandstrand, der nach wenigen Metern von herankräuselndem, türkis schimmerndem Wasser umspült wurde. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, außer einem Security Guard, der auf dem Nachbargrundstück patroullierte. Was da weiß und spitz hinter einer Wand von Gestrüpp hervorragte, gehörte zu den Dächern der konstruktivistisch verschachtelten Altamer Villen, in denen sich Fußballspieler und Hollywoodstars wohl fühlen. Hoffend, dass er mich nicht verscheuchen würde, bereitete ich im Halbschatten einer Kokospalme mein Lager, schaute übers Meer und genoss die Stille, die trockene Hitze und die Brise auf der Haut.

Dallas / Alles ist groß in Texas

F.A.Z. vom 23. FEBRUAR 2017

In extrabreitem Taxi fahre ich an endlosen Baustellen vorbei, überall Bagger, aufgewühlte Erde, halbfertige, in den Himmel ragende Hochstraßen. Auf der anderen Seite Autohäuser, methodistische Kirchen. Mein Taxifahrer stammt aus dem Sudan. Immer mehr Menschen ziehen nach Dallas, sagt er. „Life is easy, they say.“

„Und sagen Sie das auch, dass das Leben hier leicht ist?“ „Ja, doch. Das Wetter ist gut. Nicht zu heiß, nicht zu kalt.“

Dallas sei ein bisschen wie Stuttgart, kommen-tierte jemand auf Facebook, die Leute haben Geld, und da wird dann Kunst gekauft.

Auf dem Weg in den Art District sehe ich leergefegte, breite Straßen, kahle Plätze und hohe Springbrunnen. Granit, Marmor, bräunlicher Stein. Vereinzelte Wolkenkratzer, einer ist golden verspiegelt, ein anderer in Diamantenform. Alles ist groß in Dallas. Die Kuppelhalle des Kunstmuseums ist so hoch wie eine Kathedrale, der Eintritt ist frei.

Es ist sonnig, ein milder Wintertag. Durch lichte Architektur von Renzo Piano gelange ich in den Garten des Nasher Sculpture Center. Die Wiese ist gefleckt von den Schatten kahler Bäume, die mit weiß bandagierten Stämmen gereiht stehen wie Skulpturen. Dazwischen flache, stählerne, schwarze Fantasiegeschöpfe von Alexander Calder: freundliche Meereskreaturen, wie rundgeschliffen nach Jahrmillionen. Ich wandele durch ihre Beine hindurch. Das Rauschen der umgeben- den Straßen ist gedämpft durch Hecken und junge Bäume entlang der Mauern.

Nahe dem Wasserbecken am anderen Ende des Gartens sitzt ein Mann – so starr, dass ich ihn für eine Skulptur halte. Näherkommend sehe ich unter seinem von feinem Staub bedeckten Cowboyhut ein kernig vernarbtes Gesicht, wie von einem wortkargen Tankwart in der Wüste. Der Mann trägt teure Schuhe, er scheint ganz in sich versunken. Ich laufe übers Gras.

„Man vergisst allzu oft, dass der menschliche Körper Architektur ist“, sagt er plötzlich, „bewegliche Architektur.“ Ich bleibe stehen und betrachte die glattpolierte Bronze von Aristide Maillol: ein sitzender Frauenakt mit angewinkelten Beinen. Den Kopf auf die Arme gelegt, nach innen schauend, strahlt die Skulptur große Ruhe aus. Überlebensgroße nackte Füße, rundliche Zehen, eins mit der Bronzeplatte.

„Das hat Rodin gesagt“, erklärt der Mann weiter, „als er die Skulptur sah, 1909 in Paris. Erst ein paar Jahrzehnte später haben die Nashers die Dame von Paris nach Texas geholt.“

„Paris, Texas“, murmele ich – und als hätte ich ein Zauberwort gesagt, erhebt sich der Mann, seinen Trenchcoat glättend, zu voller Größe und reicht mir die Hand.

„Ich heiße Jim.“ Seine Hand ist groß. Texanisch, denke ich. Alles ist groß in Texas.

Jim schließt sich mir an wie ein alter Freund. Wir gehen den Garten hinauf, dabei teilt er mit mir sein Wissen über die Armee kopfloser Figuren von Abakanowicz, über Picassos Skulptur aus Waschbeton, eine Art Wegweiser mit kubis- tischen Frauenaugen und -nasen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen. Bei George Segals bronzener Sechsergruppe taub und desillusioniert wirkender Figuren in Mänteln bleibt er stehen und sagt, das seien seine Freunde. Ich bin nicht sicher, ob Jim nur ein bisschen verrückt ist oder richtig verrückt.

Freunde seien wichtig, fährt er gleichmütig fort, gerade in der Fremde. Er sei schon lange in Therapie wegen Verlassensängsten. Die beiden Museumswächter, oben bei der Glastür, schauen zu uns.

Als wir über die Terrasse laufen, sind sie nicht mehr zu sehen, dafür in den Fenstern der kaum besuchten Cafeteria die Spiegelbilder von Jim und mir. Ungewohnt klein wirke ich neben ihm, die Tatsache, dass auch ich einen Hut trage, hat etwas Verräterisches. Wir schlendern die Galerie entlang.

Jims Stimme ist nicht allzu tief, aber männlich rauh, wie die von vielen Amerikanern.

Nein, er sei nicht aus Dallas. Auch nicht aus der Gegend. Genaugenommen käme er von der Ostküste, und sein Therapeut fand, er solle sich seinen größten Ängsten stellen und sich eine

Weile in ein ungewohntes Umfeld begeben. Mittlerweile habe er aber jede Menge Freunde in Dallas gefunden. „Nicht nur die hier“, sagt er trocken, mit einer lässigen Geste über den Skulpturengarten. Unter anderem sei er mit dem Besitzer eines Hutladens befreundet. Dieser habe ihm auch das Hotel empfohlen, in dem er seit zwei Monaten wohne, „The Mansion“. Ich werde hellhörig, das hört sich nach einer in- teressanten Wohnung an. Dort gebe es einen historischen Aufzug – den ersten in einem Privathaus in Dallas –, der sich hervorragend für das Bezwingen von Klaustrophobie eigne. Unglaublich, dass der hochgewachsene Roosevelt mitsamt seinem Rollstuhl da hineingepasst hat, 1936, als er mit der First Lady zu Besuch kam.

Jim erzählt von dem Erbauer der Mansion: „Als sein erstes Haus abgebrannt war, machte der Baumwollbaron Sheppard W. King mit seinem Architekten und seiner Familie eine Reise durch Europa. Ideensuche für das neue Haus. Italien, Frankreich, England. Natürlich haben sie auch eingekauft. Stein, Stoffe, Säulen, Türen spanischer Kathedralen. Als King später pleiteging, hat ein Ölbaron das Haus gekauft. Der hat ein ganzes Schiff voll gotischer Schnitzereien aus Schottland bringen lassen und damit die Decken und Wände bepflastert. Da, wo ich abends mein Ribeye esse.“

Seine Einladung zum Abendessen schlage ich aus, aber am nächsten Nachmittag fahre ich zur „Mansion“ nach Turtle Creek, nördlich von Downtown Dallas. Das im Stil der italienischen Renaissance erbaute Anwesen wurde in den achtziger Jahren durch einen Hotelneubau erweitert, ansonsten finde ich alles so vor wie in Jims Erzählung. Auch die Sammlung antiker Mingvasen im Neubau. Ob ihr Wert tatsächlich zwanzig, dreißig Millionen Dollar beträgt, wie Jim es behauptete? Manchmal jucke es ihm in den Fingern – nein, hatte er gelacht, er habe sich unter Kontrolle. Er würde lieber friedlich auf der Loggia sitzen, wie es übrigens auch Tennessee Williams getan habe, nach dem Zweiten Weltkrieg, als er, zu Gast beim Ölbaron, „Summer and Smoke“ schrieb. In der altschottisch eingerichteten Bibliothek lese ich in Wikipedia über dieses Südstaaten-Theaterstück nach. Zum Tee gibt es Scones mit Clotted Cream. Ich bin unschlüssig, ob ich meinem neuen Freund Jim guten Tag sagen soll. Ich sehe seine Silhouette auf der überdachten Veranda, den Hut tief in den Nacken geschoben.